vollvorn

Wilhelm Raabe

In Über Wilhelm Raabe on 22. Juli 2010 at 2:39 pm

Behaglich zu lesen war’s wahrlich nicht, was Wilhelm Raabe dem Reclam Verlag auf dessen Bitte für die Jubel-Nummer 2000 der „Universal-Bibliothek“ 1885 überließ. Bei der Lektüre der Erzählung Zum Wilden Mann, wo ein alter Apotheker von dem wiederaufgetauchten Jugendfreund um sein ganzes Vermögen gebracht wird, hatte selbst des Autors engsten Freund solcher „Widerwillen gegen die Menschheit gepackt“, dass er meinte, sie gehöre „polizeilich verboten“. Doch Raabe (am 8. September 1831 im norddeutschen Eschershausen als Sohn eines Juristen geboren) schrieb den Leuten nicht nach dem Munde. Er war stets seinen eigenen Weg gegangen, seit jenem „Federansetzungstag“ im November 1854 in Berlin, als er – der nach einer Buchhandelslehre ohne Abitur als Hörer an der Universität seine Bildung vertiefte – das gelbe Papier aus der Zigarrenkiste löste und auf ihm von seiner Berliner Wohnstraße zu erzählen begann.

Der Erfolg der Chronik der Sperlingsgasse bewog ihn, sich als freier Schriftsteller zu versuchen. Er hat diesen Beruf zielstrebig, von gründlichen Studien begleitet, mit geschäftlichem Geschick und rastlosem Fleiß ausgefüllt und über fünfzig Jahre seine Familie mit der Arbeit der Feder ernährt. Sein unspektakuläres Leben (in Wolfenbüttel; während zehn besonders glücklicher Stuttgarter Jahre; seit 1872 in Braunschweig) glich dem seiner beamteten Freunde und mochte von außen gar wie das eines „Philisters“, eines zufriedenen Bürgers, anmuten. „Im gesellschaftlichen Leben wird niemand den Poeten in mir erkennen; ein ästhetisches Gespräch kann mich in den Sumpf jagen.“ Oft hat Raabe auch philisterhafte Figuren gestaltet, und das Kauzige solcher Werke konnte das Bild eines behaglichen Idyllikers und Humoristen entstehen lassen, das dem Autor lange, noch weit über seinen Tod hinaus, vordergründig anhaftete.

Doch dem stehen viele – er seufzte bitter: allzu viele – seiner Bücher entgegen, die dem Publikum Unbehagen bereiteten und ungekauft blieben. Das gilt nicht nur für Bücher wie Abu Telfan, eine harsche Zivilisationskritik, oder den tief pessimistischenSchüdderump, worin der mit diesem Wort bezeichnete Pestkarren als Symbol für Tod und Leid seine bedrückende Rolle spielt. Es gilt vor allem für jene Bücher Raabes, bei denen erst gegen Ende seines Lebens eine neue Generation erkannte, was der Autor darin an literarästhetisch Neuem und An-, ja Aufregendem bot: eine Fülle reizvoller, ganz verschiedenartiger Erzählerrollen; kunstvolle Verschachtelung der Narration; Darstellung des „Bewusstseinsstroms“ (in Altershausen, lange vor James Joyce); eine faszinierende Zeitenmischung: wenn, wie im Odfeld, die nur vierundzwanzig Stunden umfassende Erzählung in tiefe Vergangenheit zurück- und in die Zukunft vorgreift, mitunter in einem einzigen Satz in zwanglosem Akkord alle drei Zeiten zugleich anschlagend. Ein behagliches Zurücklehnen ist dem Leser bei solcher Literatur verwehrt: kerzengerade muss er sitzen, um alles mitzukriegen.

Manches von ihm selbst hat Raabe seinen zahlreichen Außenseitern und Sonderlingen mitgegeben, unvergesslichen und spannungsvoll motivierten Gestalten, wie Velten Andres in den Akten des Vogelsangs oder dem Titelhelden des Stopfkuchen (1891), das der Autor für sein bestes (und ein „unverschämtes“) Werk hielt: Ein ob seines genussfrohen Phlegmas Verspotteter gelangt zur völligen inneren und äußeren Unabhängigkeit, sein Lachen gegen Tod und Teufel, sein sarkastisches ‘Behagen’ heben ihn weit und frei über die Philister ringsum.

Raabe, der am 15. November 1910 (dem „Federansetzungstag“!), in Braunschweig starb, hatte einmal gescherzt, einst werde „die Reclamsche Bibliothek“ den Lesern „meine sechzig Bände kauf- hand- denk- und gefühlsgerecht“ machen. Immerhin zehn seiner Bücher sind bei Reclam heute lieferbar; und die haben’s in sich.

Richard Müller-Schmitt

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